Name
Jolly, Friedrich
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1844 bis 1904
Geburtsort
Heidelberg
Sterbeort
Berlin
Beruf/Lebensstellung
Psychiater
Konfession
reformiert
Autor NDB
Hans H. Lauer
Autor ADB
-
GND
11765535X

Jolly, Friedrich

Psychiater, * 24.11.1844 Heidelberg, 4.1.1904 Berlin.

  • Genealogie

    V Philipp (s. 4); Ov Julius (s. 2); B Julius (s. 3); - München 1874 Anna (1849–1929), T d. Gerichtsarzts Dr. Martin Böhm u. d. Emilie Güettler; 1 S, 3 T, u. a. Rudolf (1875–1922), Prof., Leiter d. Westsanatoriums in B., Lili ( Georg Strube, 1869–1932, Prof., Leitender Arzt d. Willehadhauses v. Roten Kreuz in Bremen, Vorsitzender d. Ärztl. Ver., Mitgründer u. 1. Präs. d. Wiss. Ges. (Wittheit) in Bremen, s. Brem. Biogr., 1969).

  • Leben

    Mit 10 Jahren kam J. von Heidelberg nach München. Seine Entscheidung, Medizin zu studieren, wurde durch den Kliniker Pfeufer, seinen väterlichen Förderer, bestärkt. Zu seinen akademischen Lehrern in München gehörten namhafte Wissenschaftler, wie Liebig, Nägeli, Siebold, Voit, Bischoff, Pettenkofer und Kollmann; in Göttingen waren es vor allem Wöhler, Henle und Meißner. 1867 wurde er in München bei Kollmann mit einer Dissertation „Ueber die Ganglienzellen des Rückenmarks“ promoviert. 1868 bestand er als bester Kandidat die bayer. Staatsprüfung. Obgleich Pfeufer, bei dem er seine zweijährige klinische Ausbildung absolviert hatte, ihn für die innere Medizin zu gewinnen hoffte, entschied sich J. für die Neurologie und Psychiatrie, wohl unter dem Eindruck der Werke Griesingers und der Bekanntschaft, die er in Berlin mit dessen Nachfolger Westphal machte. Zunächst arbeitete er sich an der Kreisirrenanstalt Werneck unter Gudden und dessen Assistenten Grashey in das Fach ein, um dann 1870 am Würzburger Juliusspital Assistent bei Rienecker zu werden. Hier habilitierte er sich bereits 1871 mit dem Thema „Untersuchungen über den Gehirndruck und über die Blutbewegung im Schädel“. Mit der Wahl dieser physiologischen Arbeit bewies J. bereits seine Neigung zur experimentellen Neurologie, der er sein Leben lang treu bleiben sollte. Aber auch seine ärztlichen Interessen an besserer Versorgung und Unterbringung der Patienten brachte er schon in Würzburg zum Ausdruck: Sein abschließender „Bericht über die Irren-Abtheilung des Juliusspitals … für die Jahre 1870, 1871 und 1872“ (1873), in dem er auf Fortschritte wie Schattenseiten der Anstaltspsychiatrie hinwies, fand große Beachtung. Nicht zuletzt dem Einfluß Recklinghausens hatte es J. zu verdanken, daß er 1873 einen Ruf nach Straßburg erhielt, wo er, in der Nachfolge Krafft-Ebings, als ao., seit 1875 als o. Professor fast 17 Jahre lang eine fruchtbare Lehr- und Forschertätigkeit betreiben konnte. Für eine seiner vordringlichsten Aufgaben dort hielt er die Planung und den Aufbau einer neuen psychiatrischen Klinik, die 1886 eingeweiht werden konnte. 1890 nahm er einen Ruf nach Berlin als Nachfolger Westphals an. Auch hier plante und organisierte er den Bau einer neuen neurologisch-psychiatrischen Abteilung der Charité, deren endgültige Fertigstellung (1905) er allerdings nicht mehr erleben sollte.

    J.s wissenschaftliche Interessen waren weit gespannt. Die Vielzahl der behandelten Themen entsprach dem Bedürfnis der damaligen Psychiatrie nach einer neuen Klassifikation der Krankheiten, einer Ordnung, die sich allein auf die exakten Ergebnisse einer naturwissenschaftlich betriebenen Neuropathologie stützen konnte. Darin folgte J. durchaus seinen Vorgängern Griesinger und Westphal: Geisteskrankheiten waren Gehirnkrankheiten. Auf anatomisch-physiologischem Gebiet beschäftigte sich J. besonders mit der Leitung und Reaktion von Nerven und Muskeln im normalen und pathologischen Zustand. Seine „Untersuchung über den elektrischen Leitungswiderstand des menschlichen Körpers“ (1884) wurde grundlegend für die Elektrodiagnostik. Er untersuchte die verschiedensten Erkrankungen des Nervensystems, ihre pathologischen Voraussetzungen und die Möglichkeiten zu ihrer Therapie, wie Pseudobulbärparalyse, Epilepsie, Tic, Veitstanz, Tetanus, Vergiftungs- und Entbindungslähmungen oder Spätsyphilis. In seine Abhandlungen über Hysterie und Hypochondrie (in: Hdb. d. spec. Pathol. u. Therapie, hrsg. v. H. v. Ziemssen, XII, 2, 1875, Suppl., 1878) brachte er die ganze Fülle eigener Beobachtungen, Erfahrungen und Quellenkenntnisse ein, und seine treffende Definition der Hypochondrie sollte Allgemeingut der Medizin werden. Daneben finden sich immer wieder forensisch-psychiatrische Gutachten zur Trunksucht, zur verminderten Zurechnungsfähigkeit oder allgemeine Abhandlungen zu Fragen der praktischen Irrenpflege. Bezeichnend für J.s praxisbezogene Auffassung von Wissenschaft war dabei sein oft wiederholtes Bekenntnis zu einer notwendigen und unmittelbaren Bezogenheit jeder neurologischen Grundlagenforschung auf|den psychiatrisch Kranken selbst, denn seinen Worten nach war „Therapie das Endziel aller medizinischen Bemühungen“.

    • Werke

      Weitere W u. a. Vorgesch. d. gegenwärtigen Einrichtung d. psychiatr. Klinik in Straßburg, 1887;  Ueber Irrthum u. Irrsein, 1893;  Allg. Neurosen, in: Hdb. d. pract. Med., hrsg. v. W. Ebstein u. J. Schwalbe, 1900;  Rede z. Eröffnung d. Jahresverslg. d. Ver. d. dt. Irrenärzte, in: Archiv f. Psychiatrie 34, 1901, S. 694-707. -  Hrsg.: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten, ab Bd. 22, 1891 (hier Vorwort J.s).

    • Literatur

      H. v. Ziemssen, in: Cyclopedia of the practice of medicine, hrsg. v. A. H. Buck, 14, 1877, S. V-VI;  K. Fürstner, in: Straßburger med. Ztg. 1, 1904, S. 51-54;  A. Westphal, in: Berliner klin. Wschr. 41, 1904, S. 101-03;  E. Siemerling, Zur Erinnerung an F. J., 1904 (vollst. W-Verz., P)ders., in: Dt. Irrenärzte, hrsg. v. Th. Kirchhoff, 1924, II, S. 223-31 (P)BJ IX;  M. Fischer, in: Bad. Biogr. VI, 1935, S. 572-76;  BLÄ.

  • Autor

    Hans H. Lauer
  • Empfohlene Zitierweise

    Lauer, Hans H., "Jolly, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 588 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn11765535X.html
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Jolly, Friedrich