Name
Pferdmenges, Robert
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1880 bis 1962
Geburtsort
Mönchengladbach
Sterbeort
Köln
Beruf/Lebensstellung
Bankier; Politiker
Konfession
evangelisch
Autor NDB
Gabriele Teichmann
Autor ADB
-
GND
118791729

Pferdmenges, Robert

Bankier und Politiker, * 27.3.1880 Mönchengladbach, 28.9.1962 Köln, Mönchengladbach. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Wilhelm Albert (1844–98), Textilindustr. in Rheydt; M Helene (1851–1930), T d. Johann Theodor Croon (1793–1856), Textilindustr. in Rheydt, u. d. Wilhelmine Bölling (1810–73); Schw Emma (1834–1916, Hermann Engels, 1822–1905, Fabr., S d. Friedrich Engels, 1796–1860, Textilindustr. in Barmen, B d. Friedrich Engels, 1820–95, sozialist. Theoretiker, beide s. NDB IV); – London 1909 Dora (1887–1970), T d. Carl Ernst Bresges (1853–1938), Textilindustr., KR, u. d. Marie Croon (1859–1940); 1 S, 1 T.

  • Leben

    In seiner Heimatstadt absolvierte P. die Oberrealschule und trat anschließend eine Lehre bei der dortigen Filiale der Bergisch-Märkischen Bank an. 1902 wechselte er nach Berlin zur „Disconto-Gesellschaft“, die ihn 1905 an ihre Londoner Filiale entsandte. Im Februar 1914 wurde P. die Gründung und Leitung einer Filiale der Disconto-Gesellschaft in Antwerpen übertragen, die er nach Kriegsausbruch und einer kurzen Zeit als Soldat seit 1915 als Mitglied der Zivilverwaltung weiterbetreute. 1916 wechselte er zur Düsseldorfer Filiale des „A. Schaaffhausen'schen Bankvereins“ und wurde drei Jahre später als dessen Vorstandsvorsitzender an den Hauptsitz in Köln berufen. 1929 kam es unter P.s Mitwirkung zur Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank; P. wurde Aufsichtsratsmitglied; das Angebot, in den Vorstand der Berliner Zentrale einzutreten, lehnte er ab. Während der Bankenkrise 1931 wurde P. auf Initiative Reichskanzler Brünings stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der „Dresdner Bank AG“, deren Schwierigkeiten entscheidend zum Ausbruch der Krise beigetragen hatten; fünf Jahre blieb er in dieser Funktion. Im selben Jahr berief ihn Brüning in eine Sachverständigenkommission zur Einrichtung einer staatlichen Bankenaufsicht, obwohl P. dort die Ansicht vertrat, daß die Banken an der Krise schuldlos seien und eine Bankenaufsicht abzulehnen sei. Die Deflationspolitik der Regierung unterstützte er jedoch. Seit 1932 war er Mitglied des Generalrats und des Zentralausschusses der Reichsbank; aus diesen Gremien schied er 1933 aus.

    1931 trat P. als persönlich haftender Gesellschafter in das Kölner Privatbankhaus „Sal. Oppenheim jr. & Cie.“ ein, dem er bis zu seinem Tod verbunden blieb. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit meisterte er die Krise, die 1932 durch den Tod des Inhabers des Kölner Bankhauses „A. Levy“, Louis Hagen, und die nun offenbar gewordene Illiquidität des mit Oppenheim seit 1922 in einer Interessengemeinschaft verbundenen Hauses entstand. P. vereinbarte mit Reichsbankpräsident Luther eine stille Liquidation von A. Levy, für die Oppenheim Kapital bereit stellte; 1936 ging das Geschäft des ehemaligen Partners ganz auf Oppenheim über. Während der NS-Zeit rettete P. das Bankhaus aus existentieller Gefahr; Der zunehmende politische Druck auf die Bank mündete 1938 in die Aufforderung zur Namensänderung, zweifellos mit dem Ziel der „Arisierung“. P. wurde Namensgeber für die Bank, die bis 1947 als „Pferdmenges & Co.“ firmierte. P., der sich als Treuhänder der Oppenheimschen Tradition sah, ließ die internen Besitzverhältnisse und Entscheidungsstrukturen der Bank unangetastet, so daß diese die NS-Diktatur im Kern unbeschadet überstand. Im September 1944 wurde er im Zusammenhang mit der Suche nach dem untergetauchten Waldemar v. Oppenheim verhaftet, nach Intervention seiner Familie jedoch entlassen und auf seinem Gut in der Mark Brandenburg bis Kriegsende unter Hausarrest gestellt. P.s ablehnende Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime gründete im wesentlichen auf seinem ev. Glauben, den er durch Übernahme zahlreicher Ehrenämter und finanzielle Unterstützung kirchlicher Organisationen auch öffentlich bezeugte. Er stand der Bekennenden Kirche nahe.

    Nach 1945 kurbelte P. die Geschäfte des Bankhauses Oppenheim, dem er 1947 den angestammten Namen zurückgab, energisch wieder an. Seine wichtigsten Engagements waren die Mitfinanzierung des Wiederaufbaus der August-Thyssen-Hütte, die Mitwirkung bei der Gründung der Thyssen-Stiftung und der konsequente Ausbau der Versicherungsinteressen der Bank. Mehr und mehr engagierte er sich jedoch politisch, so daß er 1954 aus der Führung des Bankhauses Oppenheim ausschied.

    Politische Bedeutung gewann P. nach 1945 im Zusammenwirken mit Konrad Adenauer, zu dem er bereits in den 30er Jahren engen Kontakt hatte. Mitgründer der rhein. CDU (1946) und Mitgestalter des Ahlener Programms (1947), stand er für eine überkonfessionelle und konsequent marktwirtschaftlich orientierte CDU, die gleichzeitig die Zusammenarbeit mit der christl. Arbeitnehmerschaft suchte. Damit verarbeitete P. Erfahrungen aus der Weimarer Republik. Eine vor allem von kommunistischer Seite getragene Kampagne gegen ihn als angeblichen „Nazi-Bankier“ führte 1946 zu seiner Entlassung als|Präsident der Kölner Industrie- und Handelskammer und zum Ausschluß von jeder öffentlichen Betätigung durch die brit. Besatzungsmacht. 1947 wurde er vollständig rehabilitiert. Im selben Jahr entsandte ihn die CDU in den Frankfurter Wirtschaftsrat. 1950 zog er als Nachrücker in den Deutschen Bundestag ein, dem er bis zu seinem Tod angehörte, zuletzt als Alterspräsident. Höhepunkte seiner politischen Arbeit waren die Mitgestaltung der Montanunion sowie seine Mitwirkung beim Zustandekommen der Montanmitbestimmung. P. übte als Ratgeber Adenauers in Fragen der Wirtschafts- und Personalpolitik und als einer der wenigen persönlichen Freunde des Kanzlers stärkere politische Wirkung aus als über seine Ämter. Die häufiger gebrauchte Bezeichnung als „graue Eminenz“ übertreibt jedoch das Ausmaß seines Einflusses auf die deutsche Nachkriegspolitik. Sein wirtschaftspolitischer Sachverstand und seine persönliche Integrität verschafften ihm auch jenseits von Parteigrenzen Anerkennung.|

    • Auszeichnungen

      Vors. d. Vereinigung Banken u. Bankiers in Rheinland u. Westfalen (1921–33); Dr. rer. pol. h. c. (Köln 1927); Präs. d. IHK Köln (1945/46), Ehrenpräs, seit 1953; Vors. d. Bundesverbands d. Privaten Bankgewerbes (1951–60), danach Ehrenvors.; Vorstandsmitgl. d. CDU/CSU-BT-Fraktion (1951) u. d. CDU (1960); Gr. BVK mit Stern u. Schulterband (1954); Ehrenbürger d. Univ. Köln (1955).

    • Werke

      Finanzpol. Fragen in der Bundesrep., Rede, gehalten am 22.12.1954 in Altena, in: Schrr.reihe d. Südwestfäl. IHK zu Hagen; Banking in Germany, in: Internat. Markets, New York, IX, April 1955, S. 40-45; Der Einfluß d. Steuerpol., in: Rhein. Merkur v. 27.7.1955; Stabilität durch gesunde Kreditpol., iu: Ind. Kurier 202 v. 31.12.1955; Mein Freund Adenauer, in: Die Zeit v. 5.1.1956; Der Optimist, Zum 60. Geb. Erhards, ebd. v. 31.1.1957. |

    • Literatur

      P., Geld aus d. Fenster, in: Der Spiegel 8, 1954, Nr. 5, S. 9-18 (P); H. Ritter, Bankiers erkennen d. öff. Aufgabe, Max M. Warburg u. R. P., in: Unternehmer in d. Pol., hg. v. G. Stein, 1954, S. 268-88; N. Jakobsen, R. P., 1957 (P); H. Köhler, Adenauer, Eine pol. Biogr., 1985; H.-P. Schwarz, Adenauer, Der Aufstieg: 1876-1952, 1986; ders., Adenauer, Der Staatsmann 1952-1967, 1991; W. Treue, Das Schicksal d. Bankhauses Sal. Oppenheim jr. & Cie. im Dritten Reich, 1983; ders., in: Rhein.-Westfäl. Wirtsch.biogrr. 13, 1986, S. 203-22 (P); ders., in: Gesch. im Westen 5, 1990, S. 188-210; M. Stürmer, G. Teichmann u. W. Treue, Wägen u. Wagen, Sal. Oppenheim jr. & Cie, Gesch. e. Bank u. e. Fam., 31994 (P); C. Silber-Bonz, P. u. Adenauer, Der pol. Einfluß d. Kölner Bankiers, 1997 (P).

  • Autor

    Gabriele Teichmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Teichmann, Gabriele, "Pferdmenges, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 331 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118791729.html
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Pferdmenges, Robert