Name
Müller, Friedrich von
Namensvarianten
Müller, Friedrich von; Müller, Friedrich
Lebensdaten
1858 bis 1941
Geburtsort
Augsburg
Sterbeort
München
Beruf/Lebensstellung
Internist; Professor in Marburg und München
Konfession
evangelisch?
Autor NDB
Eberhard J. Wormer
Autor ADB
-
GND
118737422

Müller, Friedrich (Ritter) von (bayerischer Personaladel 1907)

Internist, * 17.9.1858 Augsburg, 18.11.1941 München. (evangelisch)

  • Genealogie

    Aus fränk. Bader- u. Ärztefam. – V Friedrich (1827–1912), Dr. med., Medizinalrat, Oberarzt am Städt. Krankenhaus in A., S d. Georg Ludwig (1779–1845), Landarzt in Triesdorf, u. d. Catherina Dumreicher (1786–1833); M Maria (1836–1910), T d. Bankiers Friedrich Schmid (1807–53) in A. u. d. Eugenie Forster; Ur-Gvm Carl v. Forster (1788–1877), Bes. e. Kattundruckerei in A.; Ov Ludwig (1821–99), Großkaufm. u. Konsul in Alexandria; B Ernst v. M. (1863-1934), Minsterialdir. im bayer. Min. d. Äußeren, Ludwig Robert M. (1870-1962), Prof. d. Inneren Med. in Erlangen; Schw Anna (1861–1948, Hermann Frhr. v. Reitzenstein, 1893); – Marburg 1894 Marie (Friede) (1876–1945), T d. Ernst Küster (1839–1930), Chirurg (s. NDB 13), u.|d. Marie Soltmann († 1919); 5 T Marie (1895–1983, Hermann Stieve, 1886–1952, Prof. d. Anatomie in Berlin), Lotte (1898–1977, Leo Rr. v. Zumbusch, 1874–1940, Prof. d. Dermatol. in M.), Julie (1898–1982, Heinrich Theodor Martin, 1890–1968, Bankier in M.), Berta (1901–86, Hermann Werner Siemens, 1891–1969, Prof. d. Dermatol. in Leiden, s. L), Hedwig (1906–92, Dr. Rudolf Kloiber, 1899-1973, Dir., Vf. v. Opernführern, s. Riemann); N Eva (1905–89, Heinrich Beck, 1889–1973, Verleger in M.).

  • Leben

    Nach Abschluß des humanistischen St. Anna-Gymnasiums in Augsburg immatrikulierte sich M. an der TH und der Universität in München. Seine mathematische Vorbildung erwies sich bald als nicht ausreichend für ein technisches Studium, wohingegen die Vorlesungen des Chemikers A. v. Baeyer und des Physiologen C. Voit an der Universität M. so beeindruckten, daß er sich für das Studium der Medizin entschied. Er pflegte auch enge Kontakte zur Kunst- und Kulturszene Münchens (Lenbach, Stieler, Piloty, Heyse). Außer medizinischen Vorlesungen besuchte M. Übungen im Chemischen Institut, wo er den späteren Pionier der Proteinchemie, E. Fischer, traf, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Bereits während des vorklinischen Studiums arbeitete M. im Physiologischen Institut bei Voit. Das klinische Studium setzte er zunächst in Tübingen bei V. v. Bruns und K. v. Liebermeister und dann in Würzburg bei C. Gerhardt fort. 1881 legte er das medizinische Staatsexamen in München ab und begann, wiederum im Laboratorium von Voit, mit seiner Dissertation über Kotanalysen der Fleischfresser (Promotion 1882).

    Seit 1882 arbeitete M. als Assistent von C. Gerhardt an der Universitätsklinik in Würzburg. Während dieser Zeit erschienen gemeinsame Veröffentlichungen klinischer Beobachtungen über den Eiweißstoffwechsel von Krebspatienten, das Mediastinalemphysem und das Verhalten der Larynxmuskeln bei Paralysis agitans; darüber hinaus begann er sich für Gelbsucht, Ikterus und die Urobilinbildung zu interessieren. Während dieser Zeit entstand M.s wichtigster Beitrag zur klinischen Lehre, das gemeinsam mit O. Seifert verfaßte Taschenbuch der medizinisch-klinischen Diagnostik, das seit 1886 in zahlreichen Auflagen erschien. Nach der Berufung Gerhardts an die Charité ging auch M. nach Berlin, um dort die Frauenstation zu übernehmen. Er traf hier mit den führenden Medizinern der Zeit (R. Virchow, P. Ehrlich, R. Koch, E. v. Leyden, E. v. Bergmann) zusammen und wurde 1887 aufgrund seines Gesamtwerkes habilitiert. 1889/90 übernahm M. eine ao. Professur an der Univ. Bonn und ging anschließend als o. Professor für zwei Jahre nach Breslau, wo er eine Poliklinik sowie Perkussions- und Kehlkopfspiegelkurse einrichtete. Unter dem Einfluß des Neurologen C. Wernicke beschrieb er hier die kortikale Blindheit (Seelenblindheit).

    1892-99 leitete M. die Poliklinik der Univ. Marburg, deren medizinischer Fakultät auch E. Behring, A. Kossel, F. Marchand und H. H. Meyer angehörten. Neben der klinischen Arbeit und der Lehrtätigkeit widmete er sich der wissenschaftlichen Forschung (Eosinophilie bei Asthma bronchiale, Entwicklung eines chemischen Tests zum Nachweis von Blut im Stuhl, Glucosamin-Nachweis im Murin). 1899 wurde M. an die Abteilung für Innere Medizin der Univ. Basel in der Nachfolge K. Immermanns berufen. Unter seiner Leitung entstanden Arbeiten über die Rolle leukozytärer Enzymfermentation bei fibrinösexsudativer Pneumonie (Autolyse) und die Bedeutung der Homogentisinsäure bei Alkaptonurie.

    1904 übernahm M. die Leitung der II. Medizinischen Klinik (links der Isar) in München; in dieser Position blieb er bis zu seiner Emeritierung 1937. Hier begründete er einen klinischen Unterricht, der vor allem die Ableitung präziser Diagnosen am Krankenbett aus Anamnese und physikalisch-chemischen Untersuchungen zum Ziel hatte und Weltruf genoß. Neben Medizinstudenten aus Europa und Amerika besuchten viele international anerkannte Ärzte (P. Marie, W. Osler, H. Cushing) die Klinik. Hier regte M. weitere Forschungsarbeiten über Leukämie, Polycythämie und andere Blutkrankheiten sowie über Hungermetabolismus, Gelbsucht, Purinstoffwechsel, Diabetes, Urobilinogen und die chemische Zusammensetzung des Blutfarbstoffs Hämoglobin an. H. Fischer, ein Schüler M.s, erhielt für die Häminsynthese 1930 den Nobelpreis. Durch Vermittlung W. Oslers wurde M. zu Vortragsreisen nach Amerika (Herter Lecture, New York 1907) und England (Oxford 1911) eingeladen. Während des 1. Weltkriegs bereiste M. die belg. und franz. Front und beschäftigte sich mit kriegstypischen Seuchen und Infektionskrankheiten sowie dem Hungerproblem. Trotz der Schwierigkeiten der Nachkriegszeit gelang ihm die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung und des akademischen Betriebs in München. Seit 1927 war M. Präsident der Deutschen Akademie, 1934 wurde er im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung zum Rücktritt gezwungen.|Zu M.s Hauptleistungen gehörte die Etablierung einer klinischen Basisdiagnostik, die sich aus den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung, physikalischchemischen Laboruntersuchungen von Sekreten und Exkreten sowie apparativen Meßwerten (Perkussion, Auskultation, Blutdruck, Puls, Gewicht, Röntgen, EKG) zusammensetzte. 1905 stellte M. auf der Naturforscherversammlung in Meran den Begriff der Nephrose vor, mit dem degenerative von primär entzündlichen (Nephritis) Nierenerkrankungen abgegrenzt wurden; der Begriff Nephrotisches Syndrom ist heute noch gültig. Lebenslang beschäftigte sich M. mit der Registrierung und Analyse von Schallphänomenen bei Perkussion und Auskultation (Bronchophonie, Stimmfremitus, tympanitischer Schall). Der Begriff „Müller-Zeichen“ (1889) – Pulsation des Gaumens – kennzeichnet die Aorteninsuffizienz.|

    • Auszeichnungen

      Hofrat (1911); Geheimrat (1913); Dr. phil. h. c. (München 1920); Dr. iur. h. c; Dr.-Ing. E. h.; Dr. med. h. c. (Sofia); Gr. Ehrenkreuz d. Dt. Akademie; Mitgl. d. Leopoldina (1922).

    • Werke

      Über d. diagnost. Bedeutung d. Tuberkelbazillen, in: Verhh. d. physikal.-med. Ges. 43, 1883; Über d. normalen Koth d. Fleischfressers, Diss. München 1884; Taschenbuch d. med. klin. Diagnostik. 1886, 501941, zahlr. Überss. (mit O. Seifert); Antisepsis in d. Geburtshülfe, 1888; Über Emphysem d. Mediastinum, in: Berliner klin. Wschr. 25, 1889, S. 205-08; Zur Pathol. d. weichen Gaumens, in: Charité-Ann. 14, 1889, S. 247-52; Zur Aetiol. d. pernieiösen Anämie, ebd., S. 253-70; Stoffwechselunterss. b. Krebskranken, in: Zs. f. klin. Med. 16, 1889, S. 496-549; Ein Btr. z. Kenntnis d. Seelenblindheit, in: Archiv f. Psychol. 24, 1892, S. 856-917; Btrr. z. Kenntnis d. Basedowschen Krankheit, in: Dt. Archiv f. klin. Med. 51, 1892/93, S. 335-412; Unterss. an zwei hungernden Menschen, 1893; Ueber Hämatoporphyrinurie u. deren Behandlung, in: Wiener klin. Wschr. 7, 1894, S. 252; Über Galopprhythmus d. Herzens, in: Münchener med. Wschr. 53, 1906, S. 785-91; Über d. Diabetes, ebd. 78, 1931, S. 616; Zur Reform d. Med. studiums, ebd. 81, 1934, S. 853; Morbus Brightii, in: Verh. d. dt. patholog. Ges. 9, 1906, S. 64-69; Bezeichnung u. Begriffsbestimmung auf d. Gebiet d. Nierenkrankheiten, in: Veröff. aus d. Gebiet d. militär. Sanitätswesens 65, 1917, S. 21; Metabolismus, in: Dt. med. Wschr. 48, 1922, S. 513-17; Klin. Wandtafeln, 1922 (mit Strümpell); Bone and Joint Disturbances from Aberrant Metabolism, in: Mayo Clinic Proceedings 1, 1926, S. 133; Bronchialerkrankungen, in: Neue dt. Klinik 2, 1928, S. 269; Btrr. in: J. v.von Mering, Lehrb. d. Inneren Med., 161929; Neuere Unterss. üb. Perkussion u. Auskultation, in: Kongrefl d. dt. Ges. f. Innere Med. 41, 1929, S. 232; →Johann Lukas Schönlein, in: Ll. aus Franken V, 1936, S. 332-49; Lebenserinnerungen, 1951 (P).

    • Literatur

      L. Krehl, in: Münchener med. Wschr. 75, 1928; P. Martini, Zum Vermächtnis F. v. M.s, ebd. 97, 1955, S. 1373-76 (P), ebd. 100, 1958, S. 1513-19; H. Kerschensteiner, Gesch. d. Münchner Krankenanstalten, 1939, S. 276-94 (P); L. R. Müller, in: Lb. aus d. bayer. Schwaben II, 1953, S. 432-47 (W); New England Journal of Medicine 252, 1955, S. 65-67 (P); H. W. Siemens, Die Vorfahren v. F. v. M., 1958 (P); Med. Klinik 53, 1958, S. 1589-99 (P); Bayer. Ärztebl. 14, 1959, S. 83 (P); Internist 10, 1969, S. 83-86 (P); G. Landes, in: R. Dumesnil u. H. Schadewaldt (Hrsg.), Die berühmten Ärzte, 1969, S. 304 (P); H. Siegerist, Große Ärzte, 1971, S. 411 (P); S. J. Thannhauser, in: Diabetes 7, 1971, S. 66-68; A. Pfarrwaller-Stieve, F. v. M (1858–1941) u. seine Stoffwechselunterss., 1983; O. Helfer u. R. Winau, Männer u. Frauen d. Med., 1986, S. 144 (P); Pagel; Fischer; Rhdb. (P).

    • Portraits

      Gem. v. A. Escher, 1940 (Städt. Kunstslgg., Augsburg).

  • Autor

    Eberhard J. Wormer
  • Empfohlene Zitierweise

    Wormer, Eberhard J., "Müller, Friedrich von" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 379-381 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118737422.html
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Müller, Friedrich von