Name
Lichtwark, Alfred
Namensvarianten
-
Lebensdaten
1852 bis 1914
Geburtsort
Reitbrook (Hamburger Vierlande)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Lebensstellung
Kunsthistoriker; Direktor der Hamburger Kunsthalle
Konfession
lutherisch
Autor NDB
Alfred Hentzen
Autor ADB
-
GND
118572652

Lichtwark, Alfred

Kunsthistoriker, * 14.11.1852 Reitbrook (Hamburger Vierlande), 13.1.1914 Hamburg. (lutherisch)

  • Genealogie

    V Friedrich Carl (1804–69), Landwirt u. Mühlenbes., S d. Försters Joh. Christian in Ravenhorst (Vorpommern) u. d. Marie Juliane Carstens; M Helene Joh. Henriette (1829–1909), T d. Lohndieners Johs. Matthias Bach in H. u. d. Wilh. Friederike Caroline N. N. aus Altona; ledig.

  • Leben

    L. kam 12jährig nach Hamburg, nachdem der Vater Hof, Mühle und Vermögen verloren hatte. In einer „Freischule“ (Armenschule) wurde ihm als 14jährigem 1866 die Vertretung eines erkrankten Lehrers übertragen. Nach Schulabschluß und Konfirmation 1867 war er weiter als Hilfslehrer tätig, seit 1868 an der Jacobikirchen-Schule (1871–75 als regulärer Lehrer). So trug L. schon früh zum Unterhalt der Familie bei. Nach intensiven kunstgeschichtlichen Privatstudien, bei denen die Vorträge von J. Brinckmann wegweisend wirkten, konnte er erst mit 27 Jahren ohne Abitur die Univ. Leipzig besuchen. Schon 1881, nach l½ Semestern, wurde er, von seinem Lehrer A. Springer empfohlen, Assistent, 1884 Bibliothekar des Kunstgewerbemuseums in Berlin (Direktor J Lessing) Das Studium der Sammlungen, die aktive und passive Teilnahme am schnellen Aufbau der Berliner Museen in den Gründerjahren sowie der persönliche Kontakt mit den berühmten, dort wirkenden Gelehrten mehrten seine wissenschaftlichen Kenntnisse; durch rege journalistische Tätigkeit entwickelte er seine schriftstellerische Begabung. 1885 wurde er in Leipzig mit der Arbeit „Die Kleinmeister als Ornamentisten“ promoviert (1888 erweitert als „Der Ornamentstich der deutschen Frührenaissance nach seinem sachlichen Inhalt“). 1886 wurde L. zum Direktor der Hamburger Kunsthalle berufen, die, seit|Eröffnung des eigenen Gebäudes 1869 von einer Kommission verwaltet, aufler dem vorzüglichen Kupferstichkabinett nur über eine aus Zufallserwerbungen und Geschenken zusammengesetzte, völlig provinzielle Gemäldegalerie verfügte. L. entwickelte sie in wenigen Jahren zu einem der führenden Museen Deutschlands. – Durch die Wiederentdeckung und Erwerbung der Hauptwerke der großen Hamburger Maler des Mittelalters, Meister Bertram und Meister Francke, und der Romantik (Philipp Otto Runge) sowie durch die planmäßige Sammlung der Werke Hamburger Maler des 16.-19. Jh. konnte er der Kunsthalle das hamburgische Gepräge geben, das er weiter verstärkte durch die Begründung einer Sammlung von Bildern aus Hamburg, für die er Aufträge für Bildnisse und Stadtlandschaften an deutsche und ausländische Künstler vergab. Durch den Ankauf ganzer Sammlungen und einzelner Gemälde deutscher und niederländ. Maler des 15.-18. Jh. vermehrte er die Abteilung Älterer Meister auf das glücklichste. Besonderes Gewicht gab er der Abteilung Neuerer Meister bis hin zur damaligen Gegenwart durch zahlreiche Erwerbungen u. a. von C.D. Friedrich, Waldmüller, Menzel, Leibl, Trübner, Thoma, Liebermann, Corinth, Slevogt. Die Sammlung deutscher Malerei des 19. Jh. in der Kunsthalle wurde so zur geschlossensten nächst der der National-Galerie in Berlin, und L. bereicherte sie durch Gegenüberstellung mit franz. Künstlern wie Courbet, Manet, Monet, Sisley, Renoir, Bonnard und Vuillard. – Die Plastik-Abteilung trat an Bedeutung hinter der Gemäldegalerie zurück, doch legte er besonderes Gewicht auf den Aufbau einer großen Sammlung franz. Medaillen seiner Zeit, mit der er auf eine Wiederbelebung der Medaillenkunst in Deutschland hinwirken wollte.

    L. war ein geborener Lehrer. Alles, was er im Gespräch wie im Vortrag aussprach, in Büchern, Aufsätzen oder Briefen schrieb, auch alles, was er für die Kunsthalle tat, diente einem pädagogischen Zweck. Das zeigte sich schon in den frühesten erhaltenen Briefen an die Geschwister; der Student lehrte im 1. Semester die Kommilitonen das Betrachten von Kunstwerken; er erzog in Hamburg die ihm vorgesetzte Behörde durch die berühmten Briefe an die „Commission für die Verwaltung der Kunsthalle“ zur Einsicht in die Probleme der Kulturpolitik und zum Verständnis für seine Pläne. L.s erzieherische Perspektiven beschränkten sich auch nicht auf die hohe Kunst und auf sein vorzüglichstes Instrument, die Kunsthalle. In den Jahrbüchern der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde gab er fruchtbare Anregungen für jede Art von schöpferischem Dilettantismus: Liebhaberbuchbinderei, Liebhaberholzschnitt, Scherenschnitt oder Hausweberei. Der Amateurphotographie galt seine besondere Aufmerksamkeit, weiter der Gartenkunst, der Blumenpflege, der Kunst, Blumensträuße zu binden usw. Am wichtigsten war ihm wohl die Kunst in der Schule; die Niederschrift seiner Übungen (mit einer Schulklasse) in der Betrachtung von Kunstwerken wurde sein meistverbreitetes Buch, und er war der eigentliche Begründer des Deutschen Kunsterzieher-Tages. Bei der ersten Tagung unter diesem Namen in Dresden 1901 faßte er in einem Schlußwort die Essenz seiner Gedanken in dem oft gedruckten Vortrag „Der Deutsche der Zukunft“ zusammen.

    L. war ein Sohn der Gründerjahre, und gewiß sind manche seiner Vorstellungen zeitgebunden. Aber viele seiner Gedanken und Initiativen haben bis in unsere Tage lebendig fortgewirkt, wie z. B. die Öffentlichkeitsarbeit der Museen oder der Kunstunterricht in den Schulen. Und es ist immer noch gewinnbringend und genußreich, seine Schriften – ganz besonders seine Briefe – zu lesen.

    • Werke

      Weitere W u. a. H. Kaufmann u. d. Kunst in Hamburg v. 1800–50, 1893;  Die Bedeutung d. Amateur-Photographie, 1894;  Makartbouquet u. Blumenstrauß, 1894, 21905;  Studien (ausgew. Aufsatze d. Berliner J. 1882–88), 1896;  Blumenkultus, Wilde Blumen, 1897, 31907;  Übungen in d. Betrachtung v. Kunstwerken, 1897, 15-181922;  Kunsthalle zu Hamburg, Die Slg. v. Bildern aus Hamburg, begr. 1889, 1897, 5. Tsd. 1901;  Kunsthalle zu Hamburg, Verz. d. Gem. neuerer Meister, Gesch. u. Organisation d. Kunsthalle, 1897, 21902;  Vom Arbeitsfeld d. Dilettantismus, 1897, 31907;  Die Wiedererweckung d. Medaille, 1897;  Das Bildnis in Hamburg, Bd. 1, 2, 1898;  Dt. Königsstädte, Berlin-Potsdam-Dresden-München-Stuttgart, 1898;  Julius Oldach, 1899;  Matthias Scheits als Schilderer d. hamburger Lebens, 1899;  Meister Francke, 1899;  Palastfenster u. Flügelthür, 1899;  Der Deutsche d. Zukunft, 1902;  Meister Bertram, tätig in Hamburg 1387-1414, 1905. - Aufsätze u. Briefe: Hamburg. Aufsätze, Vorwort v. G. Schiefler, 1917;  Eine Ausw. s. Schrr., besorgt v. W. Mannhardt, biogr. Einl. v. K. Scheffler, Bd. 1, 2, 1917;  Briefe an d. Comm. f. d. Verwaltung d. Kunsthalle, Bd. 1-20 (16-20 hrsg. v. G. Pauli), 1896–1920, Register v. M. Schellenberg u. G. Hopp, 1984;  Auswahl: Briefe an d. Komm. f. d. Verwaltung d. Kunsthalle, „Reisebriefe“, Bd. 1, 2, hrsg. mit biogr. Einl. v. G. Pauli, 1923;  Briefe an G. Pauli, hrsg. v. C. Schellenberg, 1946;  Briefe an M. Liebermann, hrsg. v. dems., 1947;  Briefe an W. Mannhardt, hrsg. v. dems., 1952;  Briefe an Leopold Gf. v. Kalckreuth, hrsg. v. dems., 1957; |Briefe an s. Fam., hrsg. v. C. u. M. Schellenberg, Vorwort v. A. Hentzen, 1972 (P).

    • Literatur

      E. Marcks, A. L. u. s. Lebenswerk, 1914 (W);  A. v. Zeromski, A. L., e. Führer z. dt. Zukunft, 1924 (P);  G. Pauli, in: Die Gr. Deutschen IV, 1936 (P);  A. Hentzen, Die Kunsthalle unter A. L., in: Gesch. d. Hamburger Kunsthalle, Einl. z. Hamburger Kunsthalle, Meisterwerke d. Gem.-gal., 1969, S. 11-16;  W. Kayser, A. L., in: Hamburger Bibliogrr. 19, 1977;  A. Hentzen, L. als Schriftsteller heute, ebd.

    • Portraits

      Zeichnung v. H. Prell, 1884 (verschollen), Abb. b. Zeromski, s. L, u. in: A. L., Briefe an s. Fam., 1972;  Gem. v. L. Gf. v. Kalckreuth, 1912 (Hamburger Kunsthalle), Abb. b. Pauli, s. L;  Gem. v. A. Illies, A. L. vor d. Bildern v. Runge in d. Hamburger Kunsthalle (ebd.), Abb. in: A. L., Briefe, 1972, s. W.

  • Autor

    Alfred Hentzen
  • Empfohlene Zitierweise

    Hentzen, Alfred, "Lichtwark, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 467-469 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118572652.html
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Lichtwark, Alfred